Günther Moschig

The Girl and her Object “, „ Girls and Things“ sind Titel von Fotografieserien Margret Wibmers aus den Jahr 2005 und 2007. Mädchen posieren mit technischen Geräten verschiedenster Art – Trockenhauben, Fotovergrösserern, Staubsaugern und anderen nicht immer sofort erkennbaren und rätselhaften Apparaten. Ihrer Funktion enthoben wird mit diesen Dingen nicht agiert, sondern wie mit Franz Wests „ Passtücken“1 gepost und dabei auf einer ästhetisch-formalen Ebene die Beziehung von technischen Geräten zum – in Wibmers Falle- ausschließlich weiblichen Körper überprüft. Das Gerät wird dabei zum funktionslosen Objekt, zur Skulptur.

Das Posing ist wiederum den Präsentationsformaten der Mode entnommen. Margrets Wibmer Verhältnis zur Kleidung ist ein grundsätzliches im Sinne von zweiter Haut. Immer wieder an der Schnittstelle von Kunst und Mode handelnd entwirft sie seit 2001 unter dem Label IMOTO projektspezifische Kleidung für Installationen und Performances.

Die Objekte, die Margret Wibmer ihren Modellen in die Hände gibt sind vorgefundene technische Apparate und Geräte. Ästhetische Kategorien wie Design oder Farbe spielen dabei so wenig eine Rolle wie deren ursprüngliche Funktion. Margret Wibmer bezieht sich hier auf das von Marcel Duchamp eingeführte Ready-made-Prinzip, gefundene Alltagsgegenstände in industrieller Auflage ohne Anspruch auf Originalität produziert als Skulptur zu verstehen (Trockenhaube versus Flaschenständer). Dabei hält sie sich in der Auswahl vorgefundenen Alltagsgegenständen zunächst an Duchamps zentraler Idee der Indifferenz gegenüber ästhetischer und künstlerischer Kategorien. Wo Wibmer Duchamp nicht folgt ist dessen Überlegung die Idee vom Werk zu befreien, Kunst als Fiktion vom Produkt zu trennen. Über die Fotografien inszenierter Posings bringt Margret Wibmer Idee und Werk wieder zusammen. Wir sehen „Maids with Ready-mades“.

Neben Duchamps Indifferenz zwischen Kunst und Nichtkunst folgt Margret Wibmer noch einem weiteren Prinzip der Moderne, der Mehrdeutigkeit, der von Werner Hofmann postulierten „Mehransichtigkeit“2 verschiedener Wirklichkeitsebenen. Margret Wibmer bietet dem Betrachter mehrere Blickpunkte an: Da ist zum einem die Sicht auf unser Verhältnis zu alltäglichen technischen Gegenständen, die zur technischen Bewältigung der Welt erfunden, sich in immer schnellerem Tempo ablösen. Auf das Problem der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit der Objekte als ständige Quelle der Enttäuschung in einer von der Konsumgesellschaft „organisierten Vernichtung der Gegenstände“ hat Jean Baudrillard hingewiesen3. Margret Wibmers Apparate haben ausgedient, sind übriggeblieben auf Dachböden und Speichern. Sie sind ihrer ursprünglichen Funktion entzogen, wie die weitestgehend anonymisierten Modelle jeder Wesenheit enthoben.

Vermehrt um Transkulturalität geht es in Margret Wibmers neuesten Fotoarbeiten. War die Serie „The girl and her object“ noch in der Anonymität des Ateliers aufgenommen entstehen seit etwa 2009 Bilder an verschiedenen realen Weltorten. Margret Wibmer gibt aber nur fragmentarisch Hinweise auf Orte, Geschehnisse, auf historische und kulturelle Bezüge. Die Bilder sind auch narrativer geworden, auch wenn das Geschehen im Sinne der oben angedachten von Indifferenz und Mehransichtigkeit weitestgehend rätselhaft bleibt. Wibmer kombiniert vorgefundene Dinge, Materialien und Räume, die nicht offensichtlich miteinander zu tun haben und konstruiert eine „neue Welt. Damit verweist sie auf die Unterschiedlichkeit kultureller Systeme aber auch auf einen globalisierten Markt und bringt sich auch ein in eine postkoloniale Debatte weil sie eurozentrische Wissensordnungen und Repräsentationssysteme hinterfragt. Als Künstlerin erschließt sich Margret Wibmer hier neue geografische und transnationale Räume. War der Japanismus des späten 19. Jahrhunderts als breites aber vor allem formales Phänomen (etwa in der Bedeutung der Umrisslinie) einflussgebend für die europäische Moderne, so geht es hier in der Tradition einer transkulturellen Moderne4 aus kulturübergreifenden Kontakten und persönlichen Beziehungen heraus um die Idee einer posteurozentrische Kunst.


NOTES

* „ Bereites Mädchen“, Das Wortspiel kommt von Thomas Zaunschirm, es hat dies auch Gottfried Bechtold 2006 für eine Arbeit vor dem Bregenzer Festspielhaus verwendet

1. auf Franz Wests abstrakte „Passtücke“ , das Tragen von funktionslosen Gegenständen hat im Zusammenhang mit Margret Wibmers Überprüfung von Körper-Objekt- Verhältnissen Ludwig Seifarth hingewiesen, in: Margret Wibmer, Ambiguity, Bodies, Objects and Spaces, Kerber Verlag: Bielefeld/Leipzig/ Berlin 2010

2. Werner Hofmann, Die Moderne im Rückspiegel, C.H. Beck: München 1998

3. Jean Baudrillard, Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen, Campus Bibliothek: Frankfurt am Main, 3. Auflage 2007

4. Wie sie Christian Krawagna anhand, „ Schwarz und amerikanisch“, Tagores (cultural inclusiveness) indisch und westlich geprägt , afrikanisch – französisch (Nardal: afro-latinité) nachgezeichnet hat.